Performance Management neu denken
- Dominique Giger
- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Warum klassische Leistungsbeurteilungen scheitern - und wie Unternehmen eine faire, wirksame Alternative gestalten können
Wenn Leistungsgespräche mehr schaden als nützen
Performance Management und Jahresendbeurteilungen gehören in vielen Unternehmen noch immer zum festen Ritual. Dennoch lösen diese Begriffe bei Mitarbeitenden und Führungskräften selten Motivation aus - häufiger Frustration, Resignation oder Gleichgültigkeit. Was ursprünglich als Instrument zur Leistungssteigerung, Entwicklung und Fairness gedacht war, wird in der Praxis oft als demotivierend, subjektiv und kontraproduktiv erlebt.
Gerade in Unternehmen, die auf Innovation und Kreativität angewiesen sind, ist dieses Thema hochrelevant. Flache Hierarchien, enge Zusammenarbeit und begrenzte Ressourcen verstärken die Wirkung guter - aber auch schlechter - Beurteilungssysteme. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Performance Management notwendig ist, sondern wie es gestaltet wird.
Was Performance Management eigentlich bedeutet
Der Organisationspsychologe Hermann Aguinis definiert Performance Management als:
einen kontinuierlichen Prozess, bei dem die Leistung von Einzelpersonen und Arbeitsgruppen ermittelt, gemessen und weiterentwickelt wird, um sie an den strategischen Zielen der Organisation auszurichten.
Diese Definition betont drei entscheidende Aspekte:
Kontinuität statt punktueller Jahresgespräche
Messen und Entwickeln - nicht nur Bewerten
Strategische Ausrichtung an den Unternehmenszielen
In der Praxis scheitern viele Systeme genau an diesen Punkten. Beurteilungen werden selten kontinuierlich vorbereitet, Entwicklung bleibt vage und die Verbindung zur Strategie ist oft unklar.
Warum wir unsere eigene Leistung systematisch überschätzen
Ein zentrales Problem jeder Leistungsbeurteilung ist der Mensch selbst. Zahlreiche Studien zeigen, dass Selbsteinschätzung hochgradig verzerrt ist. Ein bekanntes Beispiel ist der Dunning-Kruger-Effekt: Menschen überschätzen ihre Fähigkeiten insbesondere in Bereichen, in denen ihnen Kompetenz fehlt.
Eine ADAC-Studie zeigt, dass sich über 80 % der Befragten als überdurchschnittlich gute Autofahrer einschätzen - statistisch unmöglich. Ähnliche Effekte finden sich auch in der Arbeitswelt. Eine Fallstudie aus der medizinischen Ausbildung zeigt, dass fast alle jungen Assistenzärzten glaubten, Venenpunktion lehren zu können, obwohl nur rund 10 % dieser Einschätzung objektiv entsprachen.
Schlussfolgerung:
Ohne einen strukturierten, externen Spiegel ist realistische Leistungsentwicklung kaum möglich.
Absolute vs. relative Bewertung: Ein unterschätzter Zielkonflikt
Organisationen stehen vor einer grundlegenden Entscheidung:Sollen Mitarbeitende absolut (an klaren Standards) oder relativ (im Vergleich zueinander) bewertet werden?
Forced Distribution und ihre Schattenseiten
Ein bekanntes relatives System ist die Forced Distribution, populär gemacht durch Jack Welch bei General Electric. Mitarbeitende werden dabei zwangsläufig in Leistungsgruppen eingeteilt - unabhängig von der tatsächlichen Teamleistung.
Befürworter argumentieren:
Förderung einer Hochleistungskultur
Klare Differenzierung
Bessere Nachfolgeplanung
Kritiker verweisen auf:
sinkende Arbeitsmoral
Angstkultur und Konkurrenzdenken
geringeren Wissensaustausch
höhere Fluktuation
Gerade für Firmen, die auf Zusammenarbeit, Innovationskraft und Vertrauen angewiesen sind, erweist sich Forced Ranking häufig als kulturell toxisch.
Die grössten Verzerrungen in Leistungsbeurteilungen
Auch scheinbar objektive Bewertungen sind anfällig für kognitive Verzerrungen (Biases).
Besonders relevant sind:
Availability Bias: Kürzlich Erlebtes überlagert das Gesamtjahr
Leniency Bias: Zu milde Bewertungen aus Harmoniebedürfnis
Central Tendency Error: Tendenz zur Mitte, Vermeidung klarer Differenzierung
Attribution Error: Erfolg wird Personen zugeschrieben, Misserfolg Umständen
Halo-Effekt: Einzelne Eigenschaften überstrahlen das Gesamtbild
Gender Bias & Beauty Bias: systematische Benachteiligung bestimmter Gruppen
Metaanalysen zeigen, dass Frauen in männerdominierten Umfeldern bei identischer Leistung im Durchschnitt schlechter bewertet werden.
Was Organisationen konkret dagegen tun können
1. Rater Error Training
Führungskräfte lernen, typische Bewertungsfehler zu erkennen und systematisch zu reduzieren. Studien zeigen signifikante Verbesserungen der Bewertungsgenauigkeit nach solchen Trainings.
2. Frame-of-Reference-Training
Hier werden gemeinsame Leistungsstandards entwickelt. Was bedeutet exzellente, durchschnittliche oder unzureichende Leistung konkret? Dieses Vorgehen erhöht Konsistenz und Fairness erheblich.
3. Skill-Matrizen statt Bauchgefühl
Praxisbewährt ist der Einsatz von Skill-Matrizen, in denen relevante Kompetenzen pro Rolle klar definiert und abgestuft bewertet werden. So wird Entwicklung sichtbar, messbar und steuerbar.
360° Feedback: Chance mit Grenzen
360° Feedback sammelt Perspektiven von Vorgesetzten, Kollegen, Mitarbeitenden und Kunden. Studien zeigen, dass rund 45 % der Rückmeldungen neue Erkenntnisse liefern - sogenannte Blind Spots.
Gleichzeitig gilt:
360° Feedback eignet sich primär für Entwicklung, nicht für Bonus- oder Reduktionsentscheidungen.
Ohne klare Kriterien reproduziert es bestehende Biases.
Führung neu denken: Vom Bewerter zum Coach
Eine der wirksamsten Perspektiven ist der Rollenwechsel der Führungskraft - vom Richter zum Coach. Das ACS-Modell (Assessment - Challenge - Support) bietet hierfür einen strukturierten Rahmen:
Assessment: Was soll wirklich entwickelt werden?
Challenge: Wie verlässt die Person bewusst die Komfortzone?
Support: Wer begleitet und unterstützt diesen Prozess?
Inspirierend ist hier auch ein Feedback-Ansatz von Adam Grant:Feedback beginnt nicht mit Kritik, sondern mit einer klaren Entwicklungsabsicht und Vertrauen in das Potenzial der Person.
Performance Management ist kein One-Size-Fits-All
Es gibt kein universelles Modell. Jedes Unternehmen muss sein Performance Management an Strategie, Kultur und Reifegrad anpassen. Klar ist jedoch:
Schlechte Systeme kosten Motivation, Vertrauen und Leistung. Gute Systeme schaffen Klarheit, Entwicklung und nachhaltige Performance.
Zusammenfassung
Performance Management wirkt nur, wenn es kontinuierlich, fair und entwicklungsorientiert gestaltet ist.
Kognitive Biases verzerren Beurteilungen stärker, als vielen bewusst ist.
Forced Ranking ist für kollaborative, innovationsgetriebene Unternehmen meist ungeeignet.
Skill-Matrizen, Rater-Trainings und Coaching-Ansätze erhöhen Objektivität und Wirkung.
Führung bedeutet heute, Entwicklung zu ermöglichen - nicht nur Leistung zu bewerten.
Nächste Schritte für Unternehmen
Überprüfung der bestehenden Beurteilungssysteme auf Bias-Risiken
Schulung von Führungskräften in objektiver Leistungsbeurteilung
Einführung klarer Kompetenzmodelle und kontinuierlicher Feedbackformate
Verankerung einer Coaching-Haltung in der Führungskultur
Über die Autorin
Dominique Giger ist Coach, Speakerin und Transformationsexpertin mit über 18 Jahren internationaler Erfahrung in Change- und Performance-Management. Sie verfügt über einen MSc in Computer Science (ETH Zürich) und kombiniert neurowissenschaftliche Erkenntnisse, psychologische Expertise und unternehmerische Praxis. Ihr Fokus liegt auf gesunder Leistungsfähigkeit, moderner Führung und der Gestaltung resilienter Hochleistungsteams.
Quellen (Auswahl)
Aguinis, H. (2019). Performance Management. Pearson
Dunning, D., & Kruger, J. (1999). Unskilled and unaware of it. Journal of Personality and Social Psychology
Gallup (2023). State of the Global Workplace
Pulakos, E. et al. (2015). Performance management can be fixed. Industrial and Organizational Psychology
Grant, A. (2021). Think Again. Viking







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