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Der Druck in der Mitte: Warum mittlere Führungskräfte die neurobiologisch am stärksten belastete Gruppe im Unternehmen sind

  • Autorenbild: Dominique Giger
    Dominique Giger
  • vor 7 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

 KI-Prognosen verschärfen den Druck auf das mittlere Management. Aber das eigentliche Problem ist struktureller Natur - und lässt sich neurowissenschaftlich präzise beschreiben. Was Organisationen jetzt tun müssen.


Mann hält "Top Management"-Plattform über sich, "Team" darunter. Text "Zwischen allen Fronten". Angespanntes Büro-Setting.
Zwischen allen Fronten: Der Middle Manager in der AI-Transformation, eingeklemmt zwischen Top-Management und Mitarbeitern. KI-generiertes Bild

In der Führungsforschung wird das mittlere Management regelmässig als «Übersetzungsschicht» zwischen Strategie und Ausführung beschrieben. Was diese Beschreibung unterschlägt: Diese Schicht arbeitet unter Bedingungen, die - neurobiologisch betrachtet - zu den belastendsten im gesamten Unternehmen zählen. Nicht weil die Menschen, die diese Rollen besetzen, besonders verletzlich wären. Sondern weil die strukturelle Position, in der sie sich befinden, mehrere grundlegende menschliche Bedürfnissysteme gleichzeitig unter Druck setzt.

 

Dieser Artikel entwickelt eine präzise Analyse dieser Mehrfachbelastung, verbindet sie mit aktuellen empirischen Daten und aktuellen KI-Prognosen - und leitet daraus Implikationen für strategisches Leadership und Organisationsgestaltung ab.


Die empirische Ausgangslage: Was die Daten zeigen

Der Global Leadership Forecast 2025 von DDI (10.796 Führungskräfte, 2.185 HR-Fachleute, 2.014 Organisationen, 50+ Länder, 24 Branchen) ist die umfangreichste verfügbare Längsschnittstudie zu Führungsverhalten. Seine Befunde für das mittlere Management sind klar:

71 Prozent aller befragten Führungskräfte berichten von stark gestiegenem Stress - acht Prozentpunkte mehr als 2022. Laut DDI sind Frontline Manager - die unterste Führungsebene mit direktem Teamkontakt - dreimal häufiger besorgt über die Auswirkungen von KI auf ihre Rolle als Führungspersonen auf C-Level-Ebene. Das Vertrauen in direkte Vorgesetzte ist im selben Zeitraum von 46 auf 29 Prozent gesunken - ein Rückgang von 17 Prozentpunkten.

 

Diese Zahlen sind für sich genommen bedeutsam. Was der DDI-Bericht jedoch nicht liefert - und das ist ein wesentlicher Unterschied - ist eine neurobiologische Erklärung für diese Entwicklung. Die folgende Einordnung ist analytisch: Die erhöhte Belastung von Frontline Managern lässt sich - ergänzend zur DDI-Empirie - mit dem SCARF-Modell erklären, weil die Sandwichposition strukturell mehrere soziale Bedrohungsdomänen gleichzeitig aktiviert. Diese Verbindung ist eine Interpretation des Autors, nicht eine Aussage der DDI-Studie.


Das SCARF-Modell: Eine neurobiologische Analyse der Sandwichposition

Das SCARF-Modell, entwickelt von David Rock (NeuroLeadership Institute, 2008), beschreibt fünf soziale Domänen, in denen das Gehirn eine Situation als sicher oder bedrohlich bewertet: Status, Certainty, Autonomy, Relatedness und Fairness. Das Modell ist ein heuristisches Framework, das empirische Befunde aus der Sozial-Neurowissenschaft in praktisch anwendbare Sprache überführt.

 

Die neurobiologische Grundlage ist gut belegt: Eisenberger, Lieberman und Williams (UCLA, Science, 2003) zeigten in einer fMRI-Studie, dass soziale Ausgrenzung und Ablehnung die gleiche Hirnregion aktivieren wie physischer Schmerz - den anterioren cingulären Cortex. Soziale Bedrohung ist für das Gehirn keine abstrakte Kategorie. Sie aktiviert dasselbe Überlebenssystem wie körperliche Gefahr.

 

Das mittlere Management erlebt keine diffuse Überlastung. Es erlebt eine präzise strukturierte neurobiologische Bedrohungsreaktion - in allen fünf SCARF-Domänen gleichzeitig.

 

Die Anwendung auf das mittlere Management ergibt folgendes Bild:

Status: Von der Strategieebene ausgeschlossen, von der Teamebene zunehmend kritisch bewertet. Bedrohung aus zwei Richtungen gleichzeitig.

Certainty: KI-Prognosen stellen Teile der eigenen Rolle in Frage - ohne gesicherten Zeithorizont. Das Gehirn reagiert auf unvorhersehbare Bedrohungen stärker als auf definierte.

Autonomy: Verantwortung für Umsetzung ohne Mitgestaltung der Richtung. Handlungsverantwortung ohne Entscheidungsautonomie erzeugt anhaltenden Autonomiestress.

Relatedness: Zwischen zwei Gruppen positioniert, ohne vollständige Zugehörigkeit zu einer.

Soziale Isolation als strukturelles Merkmal der Rolle.

Fairness: Hohe Leistungserwartung, asymmetrische Anerkennung. Das Gehirn registriert Ungleichgewichte im sozialen Austausch als Bedrohung.


Alle fünf Domänen gleichzeitig unter Druck - das ist die neurobiologische Signatur der Sandwichposition. Die physiologische Konsequenz anhaltender sozialer Bedrohungswahrnehmung ist in der Stressforschung gut beschrieben: Das sympathische Nervensystem wird aktiviert, Cortisol steigt, und die Aktivität im präfrontalen Cortex - zuständig für reflektiertes Denken, Empathie und strategisches Urteil - nimmt ab. Diese Zusammenhänge sind Teil der etablierten Stressphysiologie und werden hier als analytischer Rahmen auf die beschriebene Rollensituation übertragen - eine direkte empirische Messung für mittlere Führungskräfte liegt nicht vor.


KI und das mittlere Management: Was Gartner wirklich sagt

Die Diskussion um KI und das mittlere Management ist geprägt von einer Gartner-Prognose aus dem Oktober 2024: Bis 2026 werden 20 Prozent der Organisationen KI einsetzen, um Hierarchien zu verschlanken und dabei mehr als die Hälfte der mittleren Führungspositionen zu reduzieren.

 

Diese Prognose ist eine strategische Szenario-Aussage - keine Beschreibung eingetretener Entwicklungen. Gartner selbst betont in neueren Studien, dass 72 Prozent der befragten CIOs mit ihren KI-Investitionen die Gewinnschwelle nicht erreichen. Und die jüngste Gartner-Prognose für 2026 warnt vor einem gegenteiligen Risiko: Atrophie kritischen Denkens durch übermässigen KI-Einsatz werde 50 Prozent der Organisationen dazu veranlassen, «KI-freie» Kompetenzbeurteilungen einzuführen.

 

Die Gartner-Prognose ist ein Szenario, keine Gewissheit. Und sie wird durch neuere Gartner-Daten selbst relativiert. Der strategische Denkfehler: Automatisierung von Aufgaben ist nicht dasselbe wie Elimination von Rollen.


Was tatsächlich unter Automatisierungsdruck steht: Reporting, Leistungsmonitoring, standardisierte Email-Reportings, Koordination von Routineprozessen. Was nicht substituierbar ist: Situatives Urteilsvermögen, emotionale Intelligenz, Vertrauensaufbau durch direkte Interaktion, das Navigieren von Ambiguität in menschlichen Systemen. Diese Kompetenzen werden durch KI nicht ersetzt - sie werden durch KI-Entlastung von Routineaufgaben relevanter.


Die Übertragungsdynamik: Warum das ein Systemproblem ist

Eines der am meisten unterschätzten Phänomene der Führungsforschung ist die Übertragbarkeit emotionaler Zustände von Führungskräften auf Teams. Das Phänomen der emotionalen Ansteckung (Emotional Contagion) ist gut belegt: Hatfield, Cacioppo und Rapson zeigten bereits 1993, dass sich Stimmungen und affektive Zustände zwischen Menschen über mimische und nonverbale Signale übertragen. Spätere Führungsforschung - u. a. Sy, Côté und Saavedra (2005, Journal of Applied Psychology) - belegte diesen Effekt spezifisch für Führungssituationen: Die affektive Stimmung einer Führungsperson überträgt sich messbar auf die Teammitglieder und beeinflusst deren Leistung.

 

Die praktische Konsequenz: Forschung zu emotionaler Erschöpfung bei Führungskräften zeigt, dass Führungskräfte unter Dauerbelastung häufiger in einen Laissez-faire-Führungsstil verfallen, was die psychologische Sicherheit im Team nachweislich beeinträchtigt. Die Fähigkeit, regulierend, orientierend und stabilisierend zu wirken, wird durch anhaltende Erschöpfung eingeschränkt - nicht notwendigerweise vollständig aufgehoben. Dies ist eine plausible Erklärung für den Rückgang des Vertrauens in direkte Vorgesetzte: Nicht notwendigerweise schlechtere Führungskräfte, sondern Führungskräfte, die unter verschlechterten strukturellen Bedingungen arbeiten. Diese Kausalinterpretation ist analytisch - die DDI-Studie belegt den Rückgang, benennt aber keine neurobiologische Ursache.


Vier strategische Handlungsfelder für Organisationen

1. Die Sandwichposition als strukturelles Designproblem verstehen

Der erste Schritt ist konzeptioneller Natur. In vielen Organisationen wird die Belastung der mittleren Führungsebene als individuelles Resilienzproblem behandelt: Die Führungskraft soll «besser mit Stress umgehen», «mehr delegieren» oder «klarer priorisieren». Das greift zu kurz.


Die beschriebene Mehrfachbelastung ist nicht ein Symptom persönlicher Unzulänglichkeit – sie ist die neurobiologisch vorhersagbare Reaktion auf strukturelle Rahmenbedingungen. Organisationen, die das verstehen, verschieben die Verantwortungslogik: von «Was muss die Führungskraft ändern?» zu «Welche Rahmenbedingungen schaffen wir, unter denen gute Führung möglich ist?».


Konkret bedeutet das: Explizite Auseinandersetzung in Geschäftsleitungsrunden mit der Frage, welche Bedingungen mittlere Führungskräfte vorfinden. Regelmässige, strukturierte Gespräche mit dieser Ebene – nicht als Kontrollmassnahme, sondern als Signalgebung: Diese Perspektive zählt. Und die Bereitschaft, strukturelle Anpassungen vorzunehmen, wenn die Rahmenbedingungen Führungsqualität systematisch untergraben.


2. Unsicherheitskommunikation systematisch verbessern

Das Gehirn reagiert auf unvorhersehbare Bedrohungen stärker als auf definierte. Das bedeutet: Unklarheit über die Zukunft der eigenen Rolle ist neurobiologisch belastender als eine klare negative Aussage. Organisationen, die intern kommunizieren, was sie über KI-Entwicklung wissen und was nicht, welche Aufgabenbereiche sich verändern werden und welche nicht, und welche Entwicklungspfade für mittlere Führungskräfte existieren, reduzieren Bedrohungswahrnehmung erheblich - unabhängig vom Inhalt der Aussage.


3. KI-Befähigung als Investition in die mittlere Ebene positionieren

Die produktivste Reaktion auf die KI-Debatte im mittleren Management ist nicht Beruhigung («KI macht euch nicht überflüssig»), sondern Befähigung. Führungskräfte, die lernen, KI-Tools als Assistenten einzusetzen - für Entwürfe, Recherchen, Strukturierung, kritisches Hinterfragen -, gewinnen kognitive Kapazität für die Aufgaben, die menschliches Urteil erfordern. Das ist eine konkrete Transformation der Rolle: von Koordination und Reporting zu Urteil und menschlicher Führung.


4. Selbstregulation als organisationale Kompetenz verankern

Selbstregulation - die Fähigkeit, den eigenen Nervensystem-Zustand zu erkennen und zu steuern - ist für mittlere Führungskräfte nicht nur eine persönliche Resilienzressource. Sie ist eine führungsrelevante Kompetenz, die sich direkt auf Teams überträgt. Organisationen, die Selbstregulation explizit in Führungskompetenzmodellen verankern, Coaching und Entwicklungsformate dafür bereitstellen und kulturell signalisieren, dass Führungskräfte über eigene Belastung sprechen dürfen, schaffen die Grundlage für eine stabilere mittlere Führungsebene.


Schlussfolgerung: Eine andere Frage stellen

Die Diskussion über das mittlere Management dreht sich meist um Kompetenz, Effizienz und KI-Substituierbarkeit. Diese Diskussion führt in eine Sackgasse, weil sie die eigentliche Variable ignoriert: die strukturellen Bedingungen, unter denen diese Rolle ausgeübt wird.

 

Die neurobiologische Analyse zeigt: Das mittlere Management befindet sich in einem systematisch erzeugten Mehrfach-Stresszustand, der kognitive Flexibilität, Empathie und Urteilsvermögen einschränkt - genau jene Kapazitäten, die Transformation, Veränderungsmanagement und Teamführung erfordern. Wer diese Ebene stärken will, muss die Bedingungen stärken, unter denen sie arbeitet.

 

Die produktivste Frage ist nicht: «Wie entwickeln wir die mittlere Führungsebene?» Sie ist: «Wie gestalten wir die Rahmenbedingungen, unter denen diese Ebene ihr Potenzial entfalten kann?» Das ist eine andere - und eine strategisch relevantere - Frage.


Über die Autorin

Dominique Giger ist Transformationsexpertin, Coach und Speakerin mit einem Masterabschluss in Informatik der ETH Zürich. Sie verfügt über mehr als 18 Jahre internationale Erfahrung in Transformations- und Change-Projekten und begleitet Organisationen sowie Führungskräfte auf dem Weg zu resilienten, leistungsfähigen Arbeitskulturen.

 

Ihre Arbeit verbindet neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Führungserfahrung und legt einen besonderen Fokus auf mentale Stärke, gesunde Leistungsfähigkeit und authentische Führung in komplexen Arbeitsumfeldern.

 

In ihrem Podcast „Y-SHIFT: Der Next-Level Mindset & Transformation Podcast“ gibt sie regelmässig Einblicke in die Welt der modernen Psychologie, der Neurowissenschaften und der Führungskräfteentwicklung.


Mehr zu diesem Thema in Folge 33 ihres Podcasts: Zwischen Druck von Oben, Unten und KI - Warum viele am Limit sind

 

Quellenverzeichnis

  • DDI (2025). Global Leadership Forecast 2025

  • Rock, D. (2008). SCARF: A brain-based model for collaborating with and influencing others. NeuroLeadership Journal, 1(1), 44-52.

  • Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., & Williams, K. D. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290-292.

  • Eisenberger, N. I. (2012). The pain of social disconnection. Nature Reviews Neuroscience, 13, 421-434.

  • Hatfield, E., Cacioppo, J. T., & Rapson, R. L. (1993). Emotional contagion. Current Directions in Psychological Science, 2(3), 96-99. https://doi.org/10.1111/1467-8721.ep10770953  |  Sy, T., Côté, S., & Saavedra, R. (2005). The contagious leader: Impact of the leader’s mood on the mood of group members, group affective tone, and group processes. Journal of Applied Psychology, 90(2), 295-305.

  • Desrumaux, P. et al. (2024). The ripple effect of strain in times of change: how manager emotional exhaustion affects team psychological safety and readiness to change. Frontiers in Psychology / PMC.

  • Gartner (Oktober 2024). Gartner Unveils Top Predictions for IT Organizations and Users in 2025 and Beyond.

  • Gartner (Oktober 2025). Gartner Survey Finds All IT Work Will Involve AI by 2030.

  • Gartner (Oktober 2025). Gartner Unveils Top Predictions for IT Organizations and Users in 2026 and Beyond.

  • Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.

  • DDI (2025, April). Only 19% of Rising Leaders Have Delegation Skills.

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